TRAVEL: Mit dem Zug durch Marokko – Teil 1

Ein Märchen aus 1001 Nacht – atemberaubend schön, facettenreich und absolut aufregend! So haben wir Marokko kennengelernt.

Schon lange fühle ich mich von diesen wunderschönen Farben und Mustern angezogen – Marokko ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Endlich konnte ich diesen Wunsch wahr werden lassen und wurde nicht enttäuscht: Dieses Land ist überwältigend!

Als wir von unseren Reiseplänen nach Marokko berichtet haben, stießen wir nicht ausschließlich auf Begeisterung. Immer wieder äußerten Freunde und Familie Bedenken, dass es doch gefährlich sein könnte so auf eigene Faust zu reisen. Diese Bedenken kann ich direkt aus dem Weg räumen. Ich fühlte mich zu jeder Zeit sicher und insbesondere die Zugreisen zwischen den einzelnen Städten waren sehr komfortabel und unkompliziert. Warum sich also den Stress mit einem Mietwagen zumuten, wenn es auch so funktioniert und man die Zeit im Zug prima nutzen kann um sich von all den Eindrücken auszuruhen. Im Zug sind wir nur wenigen Rucksack-Touristen begegnet und waren ansonsten unter Marrokanern, die oft sehr an unserer Reise interessiert waren und mit denen wir wirklich nette Gespräche führen konnten. Von keinem bekommt man authentischere Tipps als von Einheimischen!

Zwischen Bahnhof und Unterkunft reist man am bequemsten mit einem “Petit Taxi”. Aber Achtung! Kaum verlässt man das Bahnhofsgebäude wird man direkt von allen Seiten angesprochen: “Taxi, Taxi, my friend?” Hier sollte man dankend ablehnen, wenn man nicht direkt in die erste Touri-Falle tappen möchte. Auch bei den Petit Taxi ist Verhandeln angesagt. Am günstigsten fährt man mit Taxameter. Eine Viertelstunde Fahrt hat uns hier nicht mal einen Euro gekostet. Allerdings geben viele Taxifahrer vor keines zu haben. In diesem Fall sollte man unbedingt vor Fahrtantritt den Preis verhandeln.

Unser Reiseplan – aus dem Bauch heraus entschieden – sah wie folgt aus:

Der erste Teil unserer Reise brachte uns über Tanger, wo wir nur übernachteten und kurz die Füße ins Meer hielten, mit dem Zug nach Fès. Vor der ersten Zugfahrt waren wir noch etwas angespannt. Wie würden wohl die Verhältnisse sein? Wie der Ausbau der Bahnstrecke? Wie voll die Züge? Und wie übersichtlich die Bahnhöfe? Tatsächlich war alles überraschend nah an europäischem Standard, zuverlässiger als die DB und das zu all dem noch unschlagbar günstig! Für die Strecke von Tanger nach Fès haben wir in der 1. Klasse zum Beispiel nur etwa 14 € pro Nase gezahlt. Und das für 4,5 Stunden Fahrt! Wobei wir auch schon beim einzigen Manko wären: Die Züge fahren teilweise im Schneckentempo, da die Strecken oft nicht genügend gesichert sind und auf Passanten geachtet werden muss oder der Zug halten und einen anderen passieren lassen muss, da die Strecken nur einspurig ausgebaut sind. Die 4,5 Stunden Fahrtzeit haben uns nur 200 km voran gebracht… Dennoch: Für uns einem Mietwagen definitiv vorzuziehen und absolut empfehlenswert!

Fès

Unsere Unterkunft in Fès lag direkt in der Medina ( = ummauerte Altstadt) nach dem Motto “mittendrin statt nur dabei”. Neben Hotels wie wir sie kennen gibt es in Marokko zahlreiche Riads. Alte Stadthäuser, die von außen nicht erahnen lassen, welche Schönheit sich im Inneren verbirgt. Die Riads verfügen in der Regel über atemberaubende Atrien, wenige individuell eingerichtete Zimmer und nette Hausherren, die sich sehr persönlich um ihre Gäste kümmern. Hier wohnt man deutlich ruhiger, authentischer und oftmals zentraler als in den großen Hotels.

Von der Dachterrasse unserer Unterkunft konnten wir uns einen ersten Überblick verschaffen und hatten direkt den Drang wie Aladdin über die Dächer der dicht bebauten Medina zu hüpfen. Statt diesem Drang nachzugehen – haha – stürzten wir uns in das Getümmel der engen Altstadtgässchen. Rein ins Gedränge! Die ersten Eindrücke waren überwältigend. An diesem Abend begegneten uns keinerlei Touristen. Dafür viele Bilder, die weniger instagramtauglich waren. Tierköpfe, die beim Metzger am Straßenrand aufgereiht waren, Kätzchen, die von dem Müll aßen, der sich am Straßenrand häufte und solche, die die Nacht wohl nicht mehr überleben würden. Auch das waren Eindrücke aus diesem aufregend anderen Land, die ich bisher nicht mit euch geteilt habe. Und dann waren da im Gegenzug all die neuen Gerüche, die wunderschönen farbenfrohen Muster, die freundlichen Gesichter und zwei zufriedene deutsche Touristen, die glücklich in ihr kleines Abendteuer gestartet waren.

Etwas mulmig war uns bei den dortigen Hygienestandards – wenn man überhaupt davon sprechen konnte – allerdings zunächst schon und es war nicht ganz einfach ein Plätzchen zu finden, an dem wir mit gutem Bauchgefühl (während, aber vor allem auch nach dem Dinner 😉 ) essen konnten. Eingekehrt sind wir schließlich im Ruined Garden. Was für ein zauberhafter Ort! Dort gab es für uns gleich eine typisch marokkanische Gemüse-Tajine und unfassbar leckeren Käsekuchen zum Dessert. Es gefiel uns sogar so gut, dass wir unbedingt noch einmal im Tageslicht dort essen wollten und am nächsten Tag den Ruined Garden als Ort für unser Mittagessen aussuchten.


Neben dem an sich schon aufregenden Altstadtwirrwarrs Fès war die Medersa ( = Koranschule) Attarin das wohl beeindruckendste Gebäude, das wir besichtigt haben. Wir haben im weiteren Verlauf unserer Reise noch viele solcher Innenhöfe gesehen, aber dieser erste Zauber war nicht mehr zu übertreffen. Kaum zu glauben, dass es in solch einer wilden Stadt einen so ruhigen und andächtigen Ort geben kann, an dem all dieser Trubel vorbeizugehen scheint!

Bekannt ist Fès vor allem für eines: seine drei großen Gerbereien, die man in der ganzen Stadt riechen kann und zu denen auch die älteste und größte Gerberei der Welt gehört. Definitiv sollte man die Gelegenheit nutzen einen genaueren Blick hinter die Kulissen zu werfen. Die Gerbereien sind kaum zu verfehlen getreu dem Motto “immer der Nase nach”. Auch weisen einem die Einwohner Fès immer freundlich den Weg: “Tannery, tannery? Come to see, come to see!” Während man unterwegs angenehm wenigen Touris begegnet, tummeln sich auf den Dachterrassen der Lederwarengeschäfte dann doch Touristen aller Nationen, um das fleißige Treiben in den bunten Kesseln zu beobachten. Manche davon heftig mit sich ringend, weil der ammoniakartige Gestank für sie kaum zu ertragen ist. Empfindliche Nasen hatten die Möglichkeit sich einen Minzzweig unter selbige zu halten- tatsächlich machte mir der Geruch aber wenig aus.


Natürlich konnten wir nicht widerstehen hier ein Andenken für zu Hause mitzunehmen und haben uns für einen silbernen Lederpouf entschieden. Die Marokko-Originale (unser Beutezug ist noch weiter ausgeartet) sind witzigerweise absolut im Trend und so gibt es ganz ähnliche Teile auch auf Westwing & Co.. Natürlich deutlich teurer und sicher nicht in der gleichen Qualität, in der man sie direkt am Herstellungsort bekommt. Außerdem ist das Erlebnis einer marokkanischen Preisverhandlung unbezahlbar :D.

Rabat

Weiter führte unsere Reise in die Hauptstadt Rabat, wo sich das Land von einer ganz anderen Seite präsentiert hat. Deutlich industrieller und bereits viel moderner als das urige Fès, aber immer noch herrlich untouristisch. Hier wollten wir unsere Unterkunft am liebsten gar nicht verlassen – so unheimlich schön war unser Zimmer mit dem märchenhaften Namen La Belle Endormie. Ganz sicher muss ich irgendwann noch einmal an diesen magischen Ort zurückkehren.


Rabat entpuppte sich als äußerst abwechslungsreicher Ort. Im Herzen der schönen Kasbah ( = alte Festung), die mit ihren weiß-blauen Häusern an Santorini erinnerte, konnte man im Café des Maures bei klassischem Minztee und süßen Kleinigkeiten den Sonnenuntergang über dem Meer genießen – zusammen mit einem Haufen marokkanischer Teenies. Nach Sonnenuntergang lag nur wenige Gehminuten entfernt das Le Dhow. Ein auf einem großen Holzschiff gelegenes Restaurant, das auch Alkohol ausschenkte. Denn was man gerne vergisst: Die Marokkaner trinken in der Regel keinen Alkohol und nicht überall ist es üblich, dass man einen Wein oder Cocktail bestellen kann. Aus eben diesem Grund darf man an dieser Stelle auch keine kulinarischen Köstlichkeiten erwarten. Die Kompetenz der marokkanischen Küche liegt eindeutig nicht im Alkohol.

Ebenso sehenswert in Rabat war für uns die Chellah, eine römische-maurische Rouinenlandschaft, die wiederum eine völlig andere Facette Marokkos offenbarte sowie der Hassan Turm – das Wahrzeichen der Hauptstadt.


Auch Rabat verfügt über eine recht authentische Medina und in den Souks ( = Märkte) kaufte man unter Einheimischen ein statt unter Touristen. Die Marktgassen der Altstadt waren aber deutlich weniger beengt als zuvor in Fès und unsere Nasen blieben vom penetranten Geruch der Gerbereien verschont.

Casablanca

Muss man nicht sehen, ist eine reine Industriestadt, haben wir immer wieder gehört. Ich sage:

Muss man gesehen haben!

Denn Casablanca bietet die einmalige Möglichkeit, die zweitgrößte Moschee der Welt zu besichtigen. Und damit die größte Moschee, die man als Nicht-Muslime überhaupt betreten kann. Für uns eine spannende und lehrreiche Erfahrung, die wir auf unserer Marokko-Reise nicht hätten missen wollen.
Davon abgesehen haben wir nirgends so gut gegessen wie in Casablanca, obgleich wir wirklich oft überaus Köstliches auf den Tellern hatten. Im Umayya war wirklich alles perfekt. Das Ambiente, die Lage direkt am Meer und der traditionelle Couscous – ein Gedicht. Auch mein großes Herz für Desserts durfte hier ein kleines Freudentänzchen aufführen. Das Restaurant war an diesem Abend restlos ausgebucht. Auch hier aßen hauptsächlich Marokkaner. Den freien Tisch hatten wir nur unserer deutschen Neigung bereits vor 20 Uhr zu Abend zu essen zu verdanken. Wie in vielen südlichen Ländern essen auch die Marokkaner in der Regel deutlich später am Abend.

Im zweiten Teil meines Marokko-Berichts nehme ich euch bald mit ins exotische Marrakech und in die aufregende Natur Ouzouds.

 

Bleibt neugierig und habt es fein!

eure Dagi

 

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